Objekte digitalisieren: Fotogrammetrie oder 3D-Scan?
Stand: 27.09.20264 Min. Lesezeit
Zwei Verfahren, zwei Ergebnisse: Woran Sie erkennen, welches zu Ihrem Objekt passt — und welche Formate ein Archiv in zwanzig Jahren noch lesen kann.

Ein Depot voller Objekte, ein Digitalisierungsprojekt im Haushalt und die Frage, womit man anfängt. Die Angebote, die daraufhin hereinkommen, sind schwer vergleichbar: Das eine spricht von Fotogrammetrie, das andere von Streifenlichtscannern, und beide nennen das Ergebnis ein 3D-Modell. Der Unterschied ist real und er entscheidet, wofür der Datensatz später taugt.
Fotogrammetrie: aus Bildern wird Form
Das Objekt wird aus vielen Richtungen fotografiert, oft mehrere hundert Aufnahmen mit großzügiger Überlappung. Eine Software sucht in den Bildern wiedererkennbare Punkte, errechnet daraus, wo die Kamera jeweils stand, und leitet daraus die Oberfläche ab. Der Maßstab kommt über einen mitfotografierten Referenzmaßstab hinein.
Die Stärke liegt in der Farbe: Die Textur stammt direkt aus den Fotos und trägt jede Bemalung, jede Fassung, jede Patina. Bei großflächigen und bemalten Objekten ist das Ergebnis eindrucksvoll und der Aufwand je Stück gering — weshalb sich das Verfahren für Serien anbietet.
Die Schwäche liegt dort, wo den Bildern die Anhaltspunkte fehlen: einfarbige, glatte, glänzende Oberflächen. Eine polierte Metallschale ist für die Fotogrammetrie ein schwieriger Fall, ein bemaltes Holzrelief ein leichter.
Streifenlicht: Form wird gemessen
Hier wird ein Muster aus hellen und dunklen Streifen auf das Objekt projiziert und von zwei Kameras beobachtet. Aus der Verformung des Musters auf der Oberfläche ergibt sich die Geometrie — direkt gemessen, nicht aus Bildern erschlossen. Farbe wird dabei getrennt aufgenommen und später auf die Form gelegt.
Die Stärke ist das feine Relief: Werkzeugspuren, Punzierungen, Inschriften, Abnutzung an Griffflächen. Alles, was man mit dem Finger ertasten würde, bildet dieses Verfahren zuverlässiger ab. Dafür ist der Aufwand je Objekt höher, und sehr große Stücke werden mühsam.
Die beiden Verfahren nebeneinander
| Fotogrammetrie | Streifenlicht-3D-Scan | |
|---|---|---|
| Erfasst | Form aus vielen Fotos, sehr gute Farbe | Form direkt gemessen, feinstes Relief |
| Stark bei | bemalten, gemusterten, großen Objekten | Werkzeugspuren, Inschriften, Prägungen |
| Schwach bei | einfarbig, glatt, glänzend | Farbtreue — wird getrennt aufgenommen |
| Objektgröße | von der Statue bis zum Bauwerk | von der Münze bis etwa Möbelgröße |
| Aufwand je Stück | gering, gut für Serien | höher, dafür messgenau |
Bei Sammlungsserien wählt man üblicherweise ein Verfahren für alle Objekte, damit der Bestand vergleichbar bleibt. Bei Einzelstücken mit besonderer Bedeutung lassen sich beide kombinieren: gemessene Form, fotografierte Farbe.
Was ein Objekt aufwendig macht
Der Aufwand je Stück hängt weniger an der Größe als an der Geometrie. Eine kompakte Form lässt sich in wenigen Durchgängen vollständig erfassen; alles, was Hinterschneidungen hat — Henkel, durchbrochene Ornamente, ineinandergreifende Teile —, braucht viele zusätzliche Ansichten und deren Zusammenführung.
- Hinterschneidungen und Hohlräume: Was von keiner Seite einsehbar ist, bleibt eine Lücke im Modell. Ganz geschlossene Innenräume erfasst kein optisches Verfahren.
- Oberfläche: Glänzend, transparent oder tiefschwarz ist schwierig — lösbar über Beleuchtung und Polarisation, aber mit mehr Aufwand.
- Standfestigkeit: Ein Objekt, das nur in einer Lage sicher steht, lässt sich schlechter von allen Seiten aufnehmen als eines, das gedreht werden darf.
- Größe am Rand des Messfelds: Sehr kleine Objekte brauchen eine feinere Optik, sehr große mehrere zusammengesetzte Aufnahmen.
Zwei bis drei Fotos aus verschiedenen Richtungen reichen uns, um das in der Anfrage einzuschätzen. Bei Serien genügt ein repräsentatives Stück — und der Hinweis, wie stark die übrigen davon abweichen.
Was ein Archiv wirklich braucht
Die Verfahrensfrage wird ausführlich diskutiert, die wichtigere Frage selten: In welcher Form kommt der Datensatz an, und wer kann ihn in zwanzig Jahren noch öffnen? Ein Modell im Hausformat einer Scansoftware ist genau so lange nutzbar, wie deren Lizenz läuft und der Hersteller existiert.
- Ein offenes, dokumentiertes Format für die Archivfassung — OBJ oder PLY werden von freier Software gelesen.
- Die Texturen getrennt in voller Auflösung, damit sie unabhängig vom Modell weiterverwendbar bleiben.
- Eine reduzierte Fassung für Anzeige und Web, die auch auf einem Telefon läuft. Das Archivmodell hat oft mehrere hundert Megabyte.
- Ein Aufnahmeprotokoll im Klartext: Verfahren, Auflösung, Maßstabsbezug, Datum. Ohne diese Angaben ist ein Modell eine Behauptung.
Wenn Ihre Einrichtung Vorgaben zu Benennung, Metadaten oder Farbmanagement hat, nennen Sie sie in der Anfrage. Im Nachhinein lässt sich manches nur durch erneute Aufnahme korrigieren — Farbmanagement zum Beispiel gar nicht.
Wie ein Aufnahmetag im Haus abläuft
Für größere Bestände richten wir einen Raum ein und schleusen die Objekte nacheinander durch. Gebraucht werden eine Stellfläche von wenigen Quadratmetern, Strom und ein Tisch, der ruhig steht — Erschütterungen im Boden sind bei feinen Aufnahmen der häufigste Störfaktor. Der Aufbau dauert etwa eine Stunde, danach läuft es in einem Takt.
Wie viele Stücke an einem Tag durchlaufen, hängt an der Handhabung mehr als an der Technik: Objekte, die frei bewegt werden dürfen, gehen deutlich schneller als solche, die nur von zwei Personen und mit Handschuhen umgesetzt werden. Planen Sie deshalb jemanden aus dem Haus ein, der das Umsetzen übernimmt — wir fassen nichts an, was wir nicht anfassen sollen.
Der schonende Teil
Beide Verfahren arbeiten berührungsfrei. Das Mattierungsspray, das beim technischen Bauteilscan glänzende Flächen behandelbar macht, kommt bei Kulturgut nicht zum Einsatz — schwierige Oberflächen löst man dort über Beleuchtung, Polarisation und mehr Aufnahmen. Was das Objekt tatsächlich belastet, ist das Bewegen. Deshalb ist die Aufnahme im Haus der Einrichtung fast immer die schonendere Lösung als ein Transport.
Häufige Fragen
Ab welcher Stückzahl lohnt sich ein Projekt?
Ein Einzelstück lässt sich jederzeit erfassen, es trägt dann aber die Einrichtungszeit allein. Ab etwa zwanzig gleichartigen Objekten sinkt der Aufwand je Stück deutlich, weil Aufbau, Beleuchtung und Ablauf nur einmal eingerichtet werden. Bei größeren Beständen lohnt es sich, einen Raum für einige Tage einzurichten und die Objekte dort nacheinander durchzuschleusen.
Können wir die Modelle auf unserer Website zeigen?
Ja, dafür ist die reduzierte Fassung gedacht. Sie läuft im Browser, auch auf dem Telefon, und lässt sich drehen und heranzoomen, ohne dass Besucher etwas installieren müssen. Sie können sie in ein vorhandenes Sammlungsportal einspielen oder eine eigene Ansicht einrichten lassen.
Wie genau werden die Maße?
Beim Streifenlichtverfahren liegt die Formabweichung im Zehntelmillimeterbereich, bei der Fotogrammetrie je nach Objektgröße darüber. Für Dokumentation, Vermittlung und die meisten Forschungsfragen ist beides ausreichend. Geht es um eine Replik oder um Vergleichsmessungen über die Zeit, ist das Streifenlichtverfahren die richtige Wahl — und der Maßstabsbezug gehört dann zwingend ins Protokoll.
Was ist mit Objekten hinter Glas oder in einer Vitrine?
Durch Glas funktioniert keines der beiden Verfahren zuverlässig: Reflexionen stören die Fotogrammetrie und brechen das projizierte Streifenmuster. Das Objekt muss also zugänglich sein. Wenn die Vitrine nicht geöffnet werden darf, bleibt allenfalls eine Aufnahme zu Dokumentationszwecken, die den Namen 3D-Modell nicht verdient — das sagen wir dann lieber vorher.
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