Konstruktion und Digitalisierung
Reverse Engineering: vom Bauteil zurück zur Konstruktion
Das Teil gibt es, die Daten nicht mehr. Der Hersteller existiert nicht, die Zeichnung ist verschollen, oder es gab nie eine. Wir nehmen das Bauteil auf, konstruieren es nach und liefern ein 3D-Modell samt Fertigungszeichnung — so, dass es wieder gefertigt werden kann.
Reverse Engineering heißt: Aus einem vorhandenen Bauteil wird wieder eine vollständige Konstruktion. Das Teil wird vermessen oder gescannt, die Geometrie in CAD neu aufgebaut, und aus dem Modell entsteht eine normgerechte Fertigungszeichnung mit Toleranzen. Das Ergebnis ist keine Kopie der Oberfläche, sondern ein sauberes, bearbeitbares CAD-Modell, das sich fertigen, ändern und archivieren lässt.
Nachmessen und nachbauen — oder scannen und abpausen?
Ein 3D-Scan liefert in Minuten ein Abbild der Oberfläche. Das ist beeindruckend, aber noch keine Konstruktion: Ein Scan weiß nicht, dass eine Bohrung eine Bohrung ist, dass zwei Flächen parallel sein sollen oder dass ein Maß 20,00 und nicht 19,97 heißt. Reverse Engineering ist der Schritt danach — aus der Aufnahme wird die Absicht des ursprünglichen Konstrukteurs rekonstruiert.
| Scan als Netz übernehmen | Konstruktion rekonstruieren | |
|---|---|---|
| Geometrie | Millionen kleiner Dreiecke, die die Oberfläche annähern | Regelgeometrie: Ebenen, Zylinder, Bohrungen, Radien |
| Maße | So, wie das abgenutzte Teil heute ist — inklusive Verschleiß und Fertigungsstreuung | Auf Nennmaße gesetzt, Toleranzen nach Funktion festgelegt |
| Änderbarkeit | Praktisch keine — ein Netz lässt sich nicht bemaßen oder parametrisch ändern | Volles CAD-Modell, jede Bohrung und jedes Maß einzeln änderbar |
| Fertigungszeichnung | Nicht ableitbar | Normgerecht abgeleitet, mit Toleranzen, Passungen und Oberflächenangaben |
| Funktionsmaße | Gehen in der Punktwolke unter | Werden erkannt und gezielt nachgemessen |
| Dateigröße | Oft hunderte Megabyte | Wenige Megabyte, in jedem CAD-System zu öffnen |
Beides hat seinen Platz. Für eine Freiformfläche — ein Gussgehäuse, ein ergonomischer Griff, ein Strömungskanal — ist der Scan die einzige sinnvolle Aufnahme, und wir bauen die Flächen darauf auf. Für ein gedrehtes oder gefrästes Teil reichen Messschieber, Messuhr und ein geübter Blick oft völlig aus. Welcher Weg der richtige ist, klären wir vor dem Angebot.
Was Sie bekommen
- Ein 3D-CAD-Modell des Bauteils als STEP — und auf Wunsch im nativen Format Ihres CAD-Systems.
- Eine normgerechte Fertigungszeichnung mit Bemaßung, Toleranzen und Oberflächenangaben.
- Nennmaße statt Verschleißmaße: Das Modell zeigt das Teil, wie es konstruiert war, nicht wie es heute aussieht.
- Auf Wunsch DXF-Schnittkonturen für Blechteile, damit der Zuschnitt direkt laufen kann.
- Ein Messprotokoll der aufgenommenen Maße, wenn Sie es für Ihre Dokumentation brauchen.
Was wir dafür brauchen
Das Bauteil selbst — oder, wenn es nicht bewegt werden kann, einen Termin vor Ort. Alles Weitere hilft, ist aber nicht Voraussetzung.
- Das Bauteil, per Post oder zur Aufnahme vor Ort. Auch ein verschlissenes oder gebrochenes Teil ist eine brauchbare Vorlage.
- Alles, was an alten Unterlagen noch existiert: Skizzen, Teilzeichnungen, Fotos, ein Katalogblatt.
- Wofür das Teil gebraucht wird — welche Flächen tragen, führen oder dichten. Davon hängen die Toleranzen ab.
- Das Gegenstück, falls vorhanden: Eine Passung lässt sich am Paar deutlich sicherer bestimmen als am Einzelteil.
- Werkstoff und Fertigungsverfahren, soweit bekannt — oder wir bestimmen es mit.
So läuft es ab
Vier Schritte vom Bauteil zur Konstruktion. Bis zur Freigabe des Angebots entstehen keine Kosten.
Anfrage mit Fotos
Sie beschreiben das Teil kurz und schicken ein paar Fotos — über das Formular oder als Antwort auf unsere Bestätigungsmail. Kein Konto nötig.
Sichtung und Rückfragen
Wir schätzen ein, ob Messen genügt oder gescannt werden muss, und klären, welche Maße für die Funktion entscheidend sind.
Angebot
Sie erhalten ein Festpreis-Angebot. Ist das Teil bei uns, beginnt nach Freigabe und Zahlungseingang die Aufnahme.
Lieferung und Rückversand
Modell und Zeichnung kommen per Download, das Bauteil geht per Post zurück. Passt etwas nicht, wird nachgebessert.
Was kostet das?
Der Preis hängt an drei Dingen: an der Aufnahme, an der Komplexität der Geometrie und daran, wie viel Zeichnung Sie am Ende brauchen. Eine gedrehte Welle mit fünf Absätzen ist an einem Vormittag erledigt; ein Gussgehäuse mit Freiformflächen und zwanzig Bohrbildern nicht. Deshalb gibt es kein Pauschalangebot, sondern ein Festpreis-Angebot nach Sichtung.
- Aufnahme: Nachmessen von Hand ist günstig, ein 3D-Scan kostet mehr — lohnt sich aber bei Freiformflächen.
- Geometrie: Anzahl der Formelemente, Freiformanteil, Symmetrien, die sich ausnutzen lassen.
- Lieferumfang: nur das Modell, Modell mit Zeichnung, oder zusätzlich DXF-Konturen und Messprotokoll.
- Vor-Ort-Termin: Anfahrt und Zeit vor Ort, wenn das Teil nicht verschickt werden kann.
Anfrage und Einschätzung sind kostenlos. Der angebotene Preis ist ein Festpreis; Abrechnung per Vorkasse, Rechnung mit ausgewiesener Umsatzsteuer.
Projekt anfragenHäufige Fragen
Es gibt wirklich gar keine Zeichnung mehr. Geht das trotzdem?
Ja — das ist der Normalfall beim Reverse Engineering. Das Bauteil ist die Zeichnung. Was fehlt, sind die Absichten dahinter: Welches Maß war toleriert, welche Fläche ist Funktionsfläche. Genau das rekonstruieren wir aus dem Teil, seiner Funktion und, falls vorhanden, dem Gegenstück.
Wie genau wird das nachkonstruierte Teil?
So genau, wie es die Funktion verlangt — nicht genauer. Ein Nennmaß lässt sich am Teil auf ein paar Hundertstel bestimmen; welche Toleranz darauf gehört, ergibt sich aus der Aufgabe der Fläche. Eine Lagersitzbohrung bekommt eine Passung, eine Außenkante am Blech nicht. Diese Entscheidungen treffen wir sichtbar und begründet in der Zeichnung, nicht stillschweigend.
Muss das Teil gescannt werden, oder reicht Messen?
Für Drehteile, Frästeile, Blech und alles aus Ebenen, Zylindern und Bohrungen reicht Messen — schneller und günstiger. Gescannt wird, wenn Freiformflächen im Spiel sind: Gusskörper, Griffe, Verkleidungen, Strömungskonturen. Oft ist es eine Mischung: Der Scan liefert die Freifläche, die Funktionsmaße werden zusätzlich von Hand gemessen.
Wie kommt das Bauteil zu Ihnen und wieder zurück?
Per Paket, versichert, in beide Richtungen — bei Teilen bis etwa Kofferraumgröße der übliche Weg. Was zu groß oder eingebaut ist, nehmen wir vor Ort auf; die Anfahrt steht dann als eigene Position im Angebot. Das Teil verlässt uns in dem Zustand, in dem es kam: Wir messen, wir bearbeiten nicht.
Darf ich ein fremdes Teil überhaupt nachkonstruieren lassen?
In den meisten Fällen ja: Ein Ersatzteil für Ihre eigene Maschine nachzufertigen, weil der Hersteller es nicht mehr liefert, ist üblich und zulässig. Grenzen setzen Patente, Gebrauchsmuster und Designschutz — die betreffen einzelne Konstruktionen, nicht die Idee einer Welle oder eines Flansches. Ist ein Teil erkennbar geschützt oder trägt ein fremdes Logo, sprechen wir das vor dem Angebot an. Eine Rechtsberatung können und dürfen wir nicht ersetzen.
Passend dazu
Ihr Teil hat Freiformflächen? Dann ist der 3D-Scan der erste Schritt. Und für die Grundlagen zum Nachlesen:
